In universum

hey.

„Aber Stephie, dafür leben wir doch.“

Meine Ellenbogen sind auf kühles Metall gestützt. Ich bin unglaublich müde, aber ein bisschen muss ich noch durchhalten. Die letzten Tage habe ich nicht viel geschlafen, bin von einem Ort zum anderen gehetzt, nur um so viele liebe Menschen zu sehen, nur um heute hier zu stehen.

Die Lichter gehen aus, ein Summen aus Pfeifen und Rufen baut sich stetig in der Menge auf, wird immer lauter, bis endlich schattenartige Umrisse mehrerer Personen über die Bühne schweben. Erste, leise Töne – und ich bin schlagartig wach. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, ein Gefühl macht sich in mir breit, das ich gar nicht beschreiben kann. Jede Faser meines Körpers zieht sich zusammen, mein Herz schlägt schneller und schneller, und ich spüre ein unglaubliches Brennen in meiner Brust. Ich weiß, dass meine Augen zu leuchten beginnen, ich halte die Luft an, und fast kann ich dieses Gefühl nicht aushalten. Es ist so wunderschön, so kurzzeitig, so flüchtig, ich möchte es für immer behalten und doch nie mehr wieder fühlen. Ein paar Sekunden dauert es an, und dann ist es verschwunden. Es öffnet sich eine Leere, und irgendwie bin ich unsagbar traurig, dass es vorüber ist.

 

 

Ein paar Mal habe ich das nun gespürt und doch kann ich dieses Gefühl immer noch nicht wirklich beschreiben – ist das Liebe? Brennen? Leidenschaft? Für etwas, für jemanden?

Ich habe es gespürt, als ich zum ersten Mal Messier 13 „gesehen“ habe. Es war eine warme Nacht im Mai, wir waren über den Dächern von München, und meine Augen blickten auf das Display meiner Kamera, deren Sensor durch ein Teleskop die 22.000 Lichtjahre entfernten Wellen der unzähligen Sterne aufzeichnete. Manchmal spürte ich auch Anflüge davon, wenn ich nachts in den Sternenhimmel blickte, während ich durch einsame Felder streifte. Aber irgendwie war das in einem anderen, längst vergangenen Leben. M13 habe ich seitdem nicht mehr gesehen, und doch habe ich so eine Sehnsucht danach, jeden einzelnen Stern zu zählen.

Ich glaube, ich habe es auch gespürt, als ich zum ersten Mal Nike von Samothrake sah. Es war neun Uhr, wir stiegen die Treppen im Louvre empor, und da stand sie, mit weit ausgebreiteten Flügeln und im Wind wehenden Seidengewand. Unbegreifbar, und so unendlich tragisch, und doch so wunderwunderschön.

Am 30. August, als ich im Flugzeug saß, und wir uns gegen 11 Uhr morgens im Landeanflug auf London befanden – da, da habe ich es auch gespürt. Und noch einmal, nachts, ganz kurz, ebenfalls hier in London

London, London, London. Dieses dumme London hat mir mein Herz gestohlen, will es nicht zurück geben, und ich weiß einfach nicht wohin mit mir. Wohin soll ich denn? Was soll ich denn tun? Ich will dieses Gefühl wieder spüren, aber ich weiß nicht wie, weil ich nie vorhersagen kann, wann es kommt. Und manchmal denke ich mir, in jener Situation müsste ich es spüren, aber dann ist da nur eine unglaubliche Leere, und kein Gefühl.

Aber letzte Woche, letzte Woche war es auch da, in München. In einer stickigen Konzerthalle, in der ich stand, mit den Ellenbogen auf kühlem Metall gestützt. Und irgendwie war ich genau in diesen Sekunden der glücklichste Mensch der Welt, weil ich nun sicher sein kann, dass ich zwar mein Herz verloren habe, aber dieses Gefühl immer noch spüren kann. Und dafür, so sagen sehr weise Menschen, leben wir doch.

 

 

 

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